Wie ein weißer Journalist Deutschlands Unfähigkeit im Umgang mit Rassismus verdeutlicht

Stellungnahme zum Artikel vom 31.1.2021 in der HAZ von Simon Benne
vom Projektteam ‚Anton Wilhelm Amo Erbschaft‘ aus weißer Perspektive

Der folgende Text ist die Kurzversion unserer Stellungnahme. Die lange Version findet ihr hier.

Warum wird auch 100 Jahre nach dem offiziellen Ende der deutschen Kolonialzeit weiterhin Dekolonisierung sowie die kritische Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte gefordert?

Die Notwendigkeit der intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte von Rassismus, der Aufarbeitung der deutschen Kolonialvergangenheit und der Beteiligung am Sklavenhandel sowie der kritischen Reflexion von kolonialen Kontinuitäten, demonstriert Simon Benne in seinem Artikel vom 31.1.2021 in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ). 

Wir wollen hiermit Stellung zu diesem Artikel nehmen, in dem das Projekt „Anton Wilhelm Amo Erbschaft“ mit einer Darstellungsweise in Verbindung gebracht wird, von der wir uns distanzieren. Anhand dieses Negativbeispiels wollen wir aufzeigen, was Journalist*innen unbedingt vermeiden müssen, wenn sie sich rassismuskritisch und mit der Sichtbarkeit Schwarzer Geschichte sowie weißen kolonialen Kontinuitäten auseinandersetzen wollen.

Der Autor reproduziert auf verschiedenen Ebenen Rassismus durch die Verwendung rassistischer Sprache und Darstellungen. Egal wie oft Menschen, die sich seit Jahren aktivistisch und auch beruflich mit Rassismuskritik, Dekolonialisierung und Antidiskriminierungsarbeit beschäftigen, darauf hinweisen, wie struktureller Rassismus funktioniert und wie Sprache diesen aufrechterhält: Der Autor glaubt, es besser zu wissen. Egal, wie oft Schwarze Menschen darauf hinweisen, welche Fremdbezeichnungen (wie das M-Wort) auf problematische Weise in einer kolonialrassistischen Tradition stehen und deswegen vermieden werden sollten: Der Autor benutzt diesen Begriff weiter.

Darüber hinaus nimmt der Autor entgegen guter journalistischer Praxis den interviewten Expert*innen die Möglichkeit, ihre Zitate und Bilder im Kontext autorisieren zu lassen. Seine Verhaltensweise uns gegenüber empfinden wir nicht nur als respektlos, sondern sie liefert ein Beispiel von White Supremacy, von dem Festhalten an Definitions- und Entscheidungsmacht, an beleidigender Sprache und rassistischer Darstellungsweise.

Der Name Anton Wilhelm Amo hat besonders in Deutschlands dekolonialen Bewegungen eine große Bedeutung. Er steht nicht zuletzt für den über 20-jährigen Kampf für die erfolgreiche Umbenennung der Berliner „M-Straße“. Zugleich wird mit seinem Namen die kritische Auseinandersetzung mit Fremd- und Selbstbezeichnungen verbunden.

Schon in der Überschrift seines Artikels benutzt der Autor das rassistische M-Wort. Und auch im folgenden Text verwendet er wiederholt den Begriff in verschiedenen Variationen, meistens in Anführungszeichen. Dass der Begriff an sich problematisch ist, benennt er jedoch nicht, selbst da nicht, wo er auf die Umbenennung der M-Straße in Berlin in Anton-Wilhelm-Amo-Straße hinweist. 

Die Verwendung rassistischer Sprache und kolonialer Begriffe reproduziert Stereotypen und ist kein „veralteter“ oder „antiquierter“ Stil, wie der Autor seine Begriffsverwendung im Nachhinein zu legitimieren versuchte, sondern überschreitet Grenzen und ist respektlos. Auch Anführungszeichen sind hierbei keine Lösung, sondern diese deuten vielmehr an, dass sich trotz der Problematik bewusst für ein Begriff entschieden wurde.

Der Autor nimmt damit weder eine neutrale Position ein, noch wird er dem aktuellen Diskurs um rassistische Sprache auch nur ansatzweise gerecht. Indem er ausschließlich auf eine Position im Diskurs verlinkt und damit suggeriert, dass das M-Wort doch nicht problematisch sei, verpasst er es, sich mit den Ursprüngen und Hintergründen von strukturellem Rassismus als System und seiner eigenen Positionierung darin als weißer Autor auseinanderzusetzen. Diese unreflektierte und diskriminierende Haltung findet sich jedoch nicht nur in der verwendeten Sprache und in den Verlinkungen, sondern auch in seiner Auswahl der Bilder wieder. Entgegen dem ausdrücklichen Wunsch der interviewten Vertreter*innen aus dem Projektteam, keine „Bilder als Illustrationen“ zu benutzen, verwendet der Autor Darstellungen von Schwarzen Menschen, die diese erneut exotisieren. 

Die Gewaltdimensionen, die mit Versklavung und Verschleppung von Menschen einhergehen und der Rassismus in der deutschen Gesellschaft, wie er sich in der Zeit der Frühaufklärung auch in Amos Leben ausdrückte, werden durch die einseitige Darstellung nicht angesprochen.

Der Artikel löst bei uns Empörung und Wut aus!

Wir fordern eine angemessene und rassismuskritische Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte und eine würdevolle Erinnerungskultur, in der Schwarze Geschichte den entsprechenden Platz bekommt.

Wir freuen uns über jeglichen Support und aktuell ganz besonders über die Verbreitung dieser Stellungnahme und Werbung für uns als Teilnehmende im Global Goals Lab Online-Voting:
https://voting-socialimpact.eu/voting/Global%20Goals%20Lab%202020%20-%202021/project/44

Kurzlink (Global Goals Lab Voting):
https://bit.ly/3tE4dg2

Mehr Information über das Projekt:
https://antonwilhelmamoerbschaft.org/2020/11/24/projektskizze/

Facebook (Anton Wilhelm Amo Erbschaft):
https://www.facebook.com/antonwilhelmamo

Instagram (Decolonize Niedersachsen):
https://www.instagram.com/decolonizeniedersachsen/

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